Wickede an der Ruhr

Beslers historische Städtereise

Ein Bericht aus dem Westfalen Magazin – Ausgabe Herbst 2013

Hätten wir nicht die historischen Quellen aus dem Heberegister der Abtei Werden, fehlten uns viele Daten über Stadtgründungen im frühen Mittelalter. Das Kloster verwaltete als Reichsabtei viele Jahrhunderte ein Heberegister. Hier taucht bald nach dem Jahr 800 erstmals der Name „Wikki“ in schriftlicher Form auf. Dieses war die Geburtsstunde der Gemeinde Wickede an der Ruhr. Sie hat heute ca. 12000 Einwohner. Um Wickede etwas besser kennenzulernen, erklärten sich der Wickeder Unternehmer Ernst-Walter Hillebrand sowie Björn Mündelein, der Betriebsleiter des Landhotels Haus Gerbens bereit, meine Stadtführer zu sein.

Zur Einstimmung einige Daten und Fakten der langen Geschichte des Ortes. Wickede ist eine Gemeinde im Kreis Soest und befindet sich zwischen Menden und Fröndenberg. Um 1100 war Wickede eine Streusiedlung und bestand gerade einmal aus fünf Höfen. Die Siedlung gehörte zur Grafschaft Arnsberg. Der Ort wechselte mehrfach den Besitzer. Langsam entstand aus der Streusiedlung ein Dorf. Im Jahr 1803 lebten hier 443 Menschen. 1839 wurde ein Puddel- und Walzwerk (Das Puddelverfahren ist ein Verfahren zur Herstellung von Stahl) gegründet. Im Jahre 1870 erhielt Wickede einen Bahnhof – eine wichtige Voraussetzung für die beginnende Industrialisierung. In diesem Jahr wurde auch die Ruhrtalbahn eröffnet. Die Einwohnerzahl wuchs auf 1000 Menschen an. 1889 erfolgte die Gründung der Glashütte, die für den Eifelturm die erste Glaskuppel lieferte.

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Fotos: futec AG, Gerhard Besler, Fischhof Baumüller

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Die Glasbläser-Skulptur, 1986 von Gerd Ruwe erstellt, erinnert an den Beginn der Industrialisierung Wickedes.

Die denkmalgeschützte „Weiße Villa“ – die Fabrikantenvilla der ehemaligen „Wickeder Eisen- und Stahlwerke“

Der Betrieb wurde bereits 1915 wieder eingestellt. Puddelwerk und Glashütte sind Geschichte. 1939 lebten in Wickede 3334 Menschen. Bei einem Luftangriff auf die Sperrmauer des Möhnesees kamen durch die Flutwelle 118 Einwohner ums Leben. Ende 1967 hatte Wickede 7585 Einwohner. Aus der kleinen Streusiedlung „Wikki“ war eine blühende „Industriegemeinde im Grünen“ geworden. Die heutige Gemeinde Wickede-Ruhr entstand am 1. Juli 1969 aufgrund der kommunalen Neugliederung. In ihr sind folgende Gemeinden zusammengeschlossen: Wickede, Wiehagen, Schlückingen, ein Teil Büderichs, Echthausen, Wimbern und ein Teil der früheren Gemeinde Bentrop. Mit einer Größe von ca. 25 km² ist sie die kleinste Gemeinde (Stadt) des Kreises.

Gegenwart

Wir trafen uns am 23.7.2013 im Landhotel Haus Gerbens. Es war einer dieser extrem heißen Tage im Juli, an denen die Temperaturen schon manches mal 34 °C im Schatten erreichten. Man hätte sich am liebsten an einen schattigen Ort verkrochen – aber, es half alles nichts, der Termin war lange vereinbart. Mit der Kamera und dem Notizblock bewaffnet, ging es also zu dritt los.

Zunächst ging es auf dem Haarstrang (Höhenzug) bis zur „Gerbens-Höhe“. Von hier aus genießt man einen schönen Rundblick auf Wickede und den Ortsteil Echthausen. Hier sind einige Bänke aufgestellt. Rasten, entspannen, Ausblick genießen! Gelegentlich treffen sich hier Björn Mündelein und Ernst- Walter Hillebrand, der auch Eigentümer des schmucken Landhotels ist, zu ihren „Bankgesprächen“, um in aller Ruhe geschäftliche Angelegenheiten zu besprechen. Weiter ging es in die Innenstadt zur St. Antoniuskirche und zum Marktplatz in der Innenstadt. Die Bronze-Plastik „Der Glasbläser“ auf dem Marktplatz erinnert an die Zeit, als es in Wickede noch die Glashütte gab. Das „Alte Trommelwehr“ an der Ruhr und die Industriegebiete waren weitere Ziele.

Wirtschaft

Der Strukturwandel in NRW machte schwerpunktmäßig in den 1960er bis 80er Jahren zahlreichen blühenden Gemeinden große Probleme bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. In dieser Zeit gingen viele Arbeitsplätze verloren. Andererseits aber wurden durch die Ausweisung des Industrie- und Gewerbegebietes „Westerhaar“ ab 1970 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Gemeinde verfügt heute über einen gesunden Mix an Mittelstandsbetrieben im Bereich Galvanik, Oberflächenbehandlung, Walzen- oder Rohrverarbeitung. Wickeder Unternehmen sind auch in Europa hoch angesehen. Die Unternehmensgruppe WHW Hillebrand zum Beispiel, ist in Wickede mit ca. 500 Arbeitnehmern der größte Arbeitgeber. Sie zählt zu den innovativsten Betrieben in Wickede und in Europa zu den größten Beschichtungsunternehmen im Bereich Korrosionsschutz. Von Wickede aus nehmen viele industrielle Produkte ihren Weg in die ganze Welt.

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Die WHW-Gruppe ist eines der größten Beschichtungs-
unternehmen im Rahmen des Korrosionsschutzes.

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Das „Alte Wehr“ im Ortsteil Echthausen.

In Privatbesitz: Rittergut Schloss Echthausen

Die Bedeutung der Gemeinde als Industriestandort zeigt sich auch an der hohen Zahl von 4400 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Überdurchschnittlich hoch ist dabei die Ausrichtung auf das produzierende Gewerbe mit über 60% der Beschäftigten.

Sehenswürdigkeiten

Dieser Punkt gehört zwar zu den Klassikern meiner Städtereisen, ist aber in Wickede trotz der langen Historie nicht sonderlich ausgeprägt. Es gibt einige sehenswerte Gebäude, die sich aber alle in Privatbesitz befinden und nur von außen besichtigt werden können oder gar auf der Abrissliste stehen.

Einige Beispiele:
  • Das ehemalige Rittergut Schloss Echthausen war lange Zeit verfallen und ist von der jetzigen Besitzerfamilie aufwendig restauriert worden. Es wird für private Wohnzwecke genutzt.
  • Von dem ehemaligen Kloster Scheda existiert heute nur noch das Gut Scheda. Gebäudeteile des Klosters sind nicht erhalten. Das Gut befindet sich in Privatbesitz und darf ohne Erlaubnis nicht betreten werden. Ganz in der Nähe (Scheda 3) befindet sich auch der hervorragende und durch TVSendungen bekannte Fischhof der Familie Baumüller (2010 bester Direktvermarkter bundesweit), mit seinem Hofladen.
  • Die bekannte imposante „Weiße Villa“ aus der Gründerzeit befindet sich ebenfalls in Privatbesitz, steht auf dem Gelände des ehemaligen Puddelwerkes und wird als Büro- und Ausstellungsgebäude genutzt.
  • Das „Alte Wehr“ im Ortsteil Echthausen ist ein ca. 100 Jahre altes Trommelwehr. Laut Presseberichten steht dieses Bauwerk jedoch auf der Abrissliste. Der Wunsch der Gemeinde, wenigstens den Mittelturm als Erinnerung zu erhalten, wurde von der Bezirksregierung abgelehnt. Zurzeit wird hier im Sommer noch gerne gegrillt und in der Ruhr gebadet.

Am späten Nachmittag endete unsere kleine Exkursion durch Wickede und zu den Ausflugszielen. Nach diesem schweißtreibenden Ausflug erfrischten wir uns im schattigen Restaurant von Haus Gerbens. Das Haus liegt so ideal an der Hauptstraße, dass es sich als Startund Zielpunkt für Ausflüge rund um Wickede empfiehlt.

Weitere Informationen:

www.wickede.de